von Tim Berkels
Sexualität ist weit mehr als ein körperlicher Trieb. Sie entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel von Körper, Gehirn, Emotionen und den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben.
Unsere Sexualität wird nicht einfach angeboren. Wir lernen sie.
Familie, Partnerschaften, Medien, Kultur und persönliche Erlebnisse prägen unser Verständnis davon, was Sexualität bedeutet. Dabei entwickeln wir bewusst und unbewusst Vorstellungen darüber, was „normal“ ist, wie Sex ablaufen sollte oder was von uns erwartet wird. Aus diesen Erfahrungen entsteht im Laufe der Zeit eine Art inneres sexuelles Skript, ein automatisierter Ablauf, der unser sexuelles Erleben und Verhalten beeinflusst.
Das Gehirn ist unser größtes Lustorgan
Für sexuelle Lust brauchen wir weit mehr als funktionierende Geschlechtsorgane.
Unser Gehirn verarbeitet Berührungen, Erinnerungen, Fantasien, Gerüche, Blicke und Gedanken. Es bewertet Situationen innerhalb von Sekundenbruchteilen und entscheidet mit darüber, ob sich unser Körper entspannen oder anspannen soll.
Gleichzeitig sind Gehirn und Körper untrennbar miteinander verbunden.
Wie ich bereits im Blogartikel „Warum der Körper in der Therapie so wichtig ist“ beschrieben habe, entstehen Emotionen nicht ausschließlich in unserem Denken. Sie zeigen sich immer auch körperlich. Angst, Scham, Unsicherheit oder Freude verändern unsere Atmung, unseren Muskeltonus, unsere Herzfrequenz und viele weitere körperliche Prozesse.
Dasselbe gilt für sexuelle Lust.
Lust ist deshalb nicht nur ein Gedanke und auch nicht nur ein körperlicher Reflex. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem und Körper.
Warum Sicherheit eine Voraussetzung für sexuelle Erregung ist
Damit sexuelle Erregung entstehen kann, muss sich unser Körper in einem Zustand von Sicherheit befinden.
Hier spielt der Parasympathikus eine entscheidende Rolle. Er ist ein Teil unseres vegetativen Nervensystems und sorgt vereinfacht gesagt für Ruhe, Regeneration und Entspannung. In diesem Zustand können sich Blutgefäße erweitern, die Durchblutung der Schwellkörper verbessert sich und sexuelle Erregung wird überhaupt erst möglich.
Dem gegenüber steht der Sympathikus.
Er ist für Aktivität, Leistung sowie Kampf- oder Fluchtreaktionen zuständig. Er hilft uns in Gefahrensituationen schnell zu reagieren.
Das Problem ist: Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer tatsächlichen Bedrohung und einer als bedrohlich empfundenen Situation.
Versagensängste, Leistungsdruck oder die Sorge, den Erwartungen des Partners oder der Partnerin nicht zu genügen, können deshalb denselben biologischen Stressmechanismus aktivieren wie eine reale Gefahr.
In diesem Moment schaltet der Körper auf Überleben statt auf Lust.
Die Folge kann sein, dass eine Erektion ausbleibt oder die natürliche Lubrikation – also das Feuchtwerden – erschwert wird.
Wenn das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft bleibt
Bei manchen Menschen handelt es sich nicht nur um eine kurzfristige Stressreaktion.
Das gesamte Nervensystem befindet sich dauerhaft in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit. In der Psychologie wird dies häufig als Hyperarousal bezeichnet.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Amygdala. Sie bewertet Reize blitzschnell und löst Schutzreaktionen aus, lange bevor wir bewusst darüber nachdenken können.
Ist sie dauerhaft überaktiv, befinden sich viele Menschen in einem Zustand ständiger Alarmbereitschaft. Sie erleben eine erhöhte Wachsamkeit, fühlen sich innerlich angespannt, haben eine erhöhte Herzfrequenz und einen dauerhaft gesteigerten Muskeltonus. Viele beschreiben außerdem das Gefühl, niemals vollständig loslassen oder wirklich entspannen zu können.
Gerade der erhöhte Muskeltonus kann sich auch im Beckenboden zeigen. Dadurch kann die Durchblutung der Schwellkörper beeinträchtigt werden, sodass eine Erektion erschwert wird.
Auch eine schnelle Ejakulation kann durch eine dauerhaft hohe sympathische Aktivierung begünstigt werden.
Andere Betroffene berichten, dass der Orgasmus ausbleibt oder sich deutlich weniger intensiv anfühlt.
Typische Aussagen aus meiner Praxis sind:
“Ich komme einfach nicht aus meinem Kopf heraus.”
“Ich kann mich einfach nicht fallen lassen.”
Hinzu kommt, dass die Amygdala auch beeinflusst, wie wir Berührungen wahrnehmen.
Berührungen können sich dann plötzlich unangenehm, zu intensiv, irritierend oder sogar überfordernd anfühlen – obwohl objektiv gar keine Gefahr besteht.
Warum ich körperorientiert arbeite
Wenn belastende Emotionen im Nervensystem gespeichert sind, reicht es häufig nicht aus, sie ausschließlich zu verstehen.
Deshalb arbeite ich körper- und emotionsorientiert.
Ein wichtiger Bestandteil der Therapie besteht zunächst darin, blockierende Gefühle wieder bewusst wahrnehmbar zu machen. Das geschieht jedoch nicht, indem wir das Problem immer wieder durchdenken.
Stattdessen richten wir den Fokus nach innen: Auf den Körper.
Du kannst dir das wie einen Scheinwerfer vorstellen. Dieser Scheinwerfer richtet sich nicht auf das Problem selbst – das ist bei vielen Menschen ohnehin bereits dauerhaft im Fokus.
Er richtet sich auf dein Körperempfinden. Wo spürst du Anspannung? Wo entsteht Unsicherheit? Wie verändert sich dein Atem? Welche Körperreaktionen zeigen sich gerade?
Genau dort beginnt therapeutische Veränderung.
Aus der Gedächtnisforschung wissen wir heute, dass Erinnerungen besonders veränderbar sind, während sie gerade erinnert werden. In diesem Moment wird die Erinnerung kurzfristig instabil und kann neu verarbeitet werden.
Wie körperorientierte Interventionen wirken können
In meiner Praxis arbeite ich unter anderem mit den Klopftechniken der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie (PEP) nach Dr. Michael Bohne.
Während eine belastende Erinnerung oder ein blockierendes Körpergefühl bewusst aktiviert wird, setzt die Klopftechnik gleichzeitig körperliche Reize.
Das Entscheidende dabei ist:
Du befindest dich gedanklich zwar noch einmal im „Dort und Damals“, handelst aber gleichzeitig selbstwirksam im „Hier und Jetzt“. Das Gehirn erhält dadurch neue Informationen.
Die belastende emotionale Aktivierung kann nach und nach abnehmen. Gleichzeitig erlebt der Körper, dass heute keine reale Gefahr mehr besteht.
Viele Menschen berichten bereits während der Sitzung über eine spürbare Erleichterung.
Vermutlich spielen dabei verschiedene Prozesse gleichzeitig eine Rolle: Die emotionale Aktivierung nimmt ab, der Sympathikus wird reguliert und der Körper kann wieder leichter in einen Zustand von Sicherheit wechseln. Darüber hinaus werden bei positiven emotionalen Erfahrungen unter anderem Botenstoffe wie Oxytocin, Endorphine, Endocannabinoide und Serotonin ausgeschüttet, die Wohlbefinden und soziale Verbundenheit fördern können.
Dadurch verbessern sich häufig auch die körperlichen Voraussetzungen für sexuelle Erregung.
Viele Klient*innen erleben, dass sich diese Veränderungen nicht nur in der Therapiesitzung zeigen, sondern auch zu Hause im sexuellen Alltag fortsetzen. Und falls nötig, können die Übungen selbstständig weitergeführt werden.
Manchmal blockiert nicht die Angst, sondern das Grübeln
Nicht jede sexuelle Schwierigkeit entsteht durch Angst oder eine überaktive Amygdala. Manchmal ist der Körper durchaus bereit für Sexualität. Doch der Kopf macht nicht mit.
Statt sich auf Berührung, Nähe und Lust einzulassen, kreisen die Gedanken immer wieder um Fragen wie: „Sehe ich attraktiv aus?“, „Mache ich alles richtig?“, „Dauert es zu lange?“ oder „Was denkt mein Gegenüber gerade?“. Die Aufmerksamkeit entfernt sich dadurch zunehmend vom eigentlichen Erleben und richtet sich stattdessen auf die Beobachtung und Bewertung der eigenen Sexualität.
Der präfrontale Kortex beschäftigt sich dann vor allem mit Kontrolle, Bewertung und Selbstbeobachtung. In der Sexualwissenschaft wird dieses Phänomen als Spectatoring bezeichnet.
Anstatt Sexualität zu erleben, beobachten und bewerten wir uns selbst. Je stärker diese Selbstüberwachung wird, desto schwieriger fällt es vielen Menschen, Lust zu empfinden. Deshalb gehört zu meiner Arbeit auch ein gezieltes Selbstwerttraining.
Dabei geht es darum, den persönlichen Wert eines Menschen von seiner sexuellen Leistungsfähigkeit zu entkoppeln. Eine Erektion, ein Orgasmus oder sexuelles Verlangen entscheiden nicht darüber, wie wertvoll ein Mensch ist.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die phänomenologische Anerkennung. Das bedeutet, belastende Gedanken oder Sorgen zunächst nicht wegmachen zu wollen, sondern sie anzuerkennen, ohne sie zu bewerten. Gleichzeitig aktivieren wir zentrale emotionale Grundbedürfnisse. Diese Kombination kann den inneren Druck reduzieren, die angstvolle Selbstüberwachung unterbrechen und die Aufmerksamkeit wieder dorthin lenken, wo Sexualität tatsächlich erlebt wird – zum eigenen Körper.
Sexualität findet nie losgelöst von Beziehungen statt
Sexualität entsteht nicht im luftleeren Raum.
Auch ungelöste Beziehungskonflikte können das sexuelle Erleben erheblich beeinflussen. Verletzungen, mangelndes Vertrauen, wiederkehrende Konflikte oder unausgesprochene Bedürfnisse wirken sich häufig unmittelbar auf Nähe, Intimität und Lust aus.
Deshalb betrachten wir in der Therapie nicht nur den einzelnen Menschen, sondern bei Bedarf auch die Beziehung.
Gemeinsam schauen wir uns unter anderem fünf typische Lösungsblockaden an, die häufig dazu beitragen, dass Konflikte bestehen bleiben und sich schließlich auch auf die Sexualität auswirken.
Mein therapeutischer Ansatz
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Deshalb gibt es keine allgemeingültige Lösung für sexuelle Schwierigkeiten. Manchmal steht eine belastende Emotion im Vordergrund. Manchmal blockiert ein dauerhaft angespanntes Nervensystem. Manchmal verhindert ständiges Grübeln das sexuelle Erleben. Und manchmal sind es Beziehungsmuster oder frühere Erfahrungen, die bis heute nachwirken.
Deshalb verbinde ich in meiner Praxis Erkenntnisse aus der Sexualwissenschaft, der Emotionspsychologie, der Neurowissenschaft und der körperorientierten Therapie.
Denn erfüllte Sexualität entsteht selten allein im Kopf oder allein im Körper.
Sie entsteht dann, wenn Gehirn, Nervensystem, Körper und Emotionen wieder miteinander arbeiten, statt gegeneinander.
von Tim Berkels


